LUCIA RONCHETTI im Gesprächskonzert

Freitag, den 10. November 2017 l 19:30 Uhr l Gesellschaftshaus Magdeburg

Konzertprogramm

Albertine (2008) für Solosopran und flüsterndes Publikum l 20‘
Olivia Stahn (Sopran)

Forward and downward, turning neither to the left nor to the right (2014) für Solocello l 20’ l Michele Marco Rossi (Cello)

Moderation
Carsten Gerth l Leiter Gesellschaftshaus Magdeburg

Eintritt: AK 10 Euro/ erm. 8 Euro (Karten nur an der Abendkasse)

 

ALBERTINE
In Marcel Prousts Opus magnum Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist Albertine Simonet die große Liebe des Ich-Erzählers Marcel. Er heiratet sie – und schließt sie damit praktisch weg. Eine geradezu obsessive Eifersucht und die erdrückende Inbesitznahme des geliebten Menschen – zwei der zentralen Themen des monumentalen Romans von Proust – werden in der Beziehung von Albertine und Marcel behandelt. Albertine gelingt es aus der aus der Enge auszubrechen. Kurz danach jedoch stirbt sie. Offen bleibt, ob es ein Unfall oder nicht doch Selbstmord gewesen ist.
Lucia Ronchetti hat Albertine zur Protagonistin ihres gleichnamigen Monodrams für
Stimme solo und flüsterndes Publikum gemacht. Es wurde im Rahmen des Festivals MaerzMusik 2008 in Berlin mit der Sopranistin Anna Prohaska in der Titelpartie an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz uraufgeführt. „Albertine ist der Versuch, mit einer Solostimme eine Figur, ihre dramatische Dimension und ihre individuelle Geschichte zu fassen. Wie in den madrigale rappresentativo der italienischen Renaissance ist die Dramaturgie einfach aufgebaut aus der Übereinstimmung zwischen Stimme und Figur. (…) Prousts Versuch, hochdifferenzierte und unterschwellige Blicke und Gesten in Worte zu übersetzen, findet in der Partitur eine Parallele in dem Versuch, die unbewussten Klänge der Kommunikation zu transkribieren und zu kontrollieren“, haben Lucia Ronchetti und die Dramaturgin Laura Bermann in einem Kommentar zu Albertine damals im Vorfeld der Uraufführung dargelegt. Die Komposition lässt ein fiktives Gespräch zwischen Marcel und Albertine erklingen, nachdem diese ihn schon verlassen hat. Bei der Version als szenisches Monodram stehen in der Sopranstimme Fragmente des aus dem französischen Original

Albertine Disparue (Die Flüchtige), dem sechsten Band aus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, während der geflüsterte Text der Männer im Publikum in der jeweiligen Landessprache des Aufführungsorts vorgetragen werden soll.

Hineinhören & Sehen


FORWARD AND DOWNWARD, TURNING NEITHER TO THE LEFT NOR TO THE RIGTH
ist eine instrumentale Oper, die die Sage um die Tötung des Minotaurus im Labyrinth von Knossos durch den attischen Königssohn Theseus verarbeitet.

Im Arrangement von Michele Marco Rossi für einen Solo-Cellisten werden die Figuren und das Labyrinth selbst durch verschiedene instrumentale Stimmen, Bewegungen und Gesangsinterventionen des Darstellers dargestellt.

Der Epilog des Werkes vermittelt die Verzweiflung der Ariadne, die auf der Insel Naxos von Theseus nach seinem Sieg aufgegeben wurde. Das ‚Lamento‘ von Ariadne ist alles, was von L’Arianna, Claudio Monteverdis zweiter Oper, Libretto von Ottavio Rinuccini, übrig geblieben ist. Diese Arie blieb nur deshalb erhalten, weil Monteverdi sie später in ein fünfstimmiges Madrigal umwandelte und veröffentlichte. Monteverdis verlorene Oper wird zum grundlegenden dramaturgischen Umriss des Stückes, einer Gespenstoper, die am Ende die imaginäre Erzählung von L’Arianna selbst ist, umrahmt von Plutarchs späten Berichten.

Der Titel des Projekts stammt aus der von Plutarch gegebenen Beschreibung des Labyrinths: „Theseus folgte den Anweisungen, die Daedalus Ariadne gegeben hatte: weiter nach vorne und nach unten gehen und sich weder nach links noch nach rechts drehen (…)

Die Kommunikation des Labyrinth-Codes von Ariadne und ihre Einsamkeit nach dem Verlassen von Theseus werden vom Cellisten mit einer Variation des Cellos interpretiert. “ So wie die Drehungen und Wendungen des Labyrinths vertikal wie auch horizontal so verkörpert Michele Marco Rossi diesen Escher-ähnlichen Raum sowohl akustisch wie auch mittels einer Struktur, die er aus Stühlen und Notenpulten konstruiert. Er selbst bleibt mit dem Cello in Bewegung, ändert seine Positionen, das Cello wird zum szenischen Element.

Hineinhören & Sehen

 

LuciaRonchetti2017©Jean Radel

Lucia Ronchetti wurde 1963 in Rom geboren. Die Komponistin arbeitet mit verschiedenen musiktheatralischen Formen. Ihr Schaffen reicht von Opern und Kammeropern für professionelle Sänger und Musiker über Chor-Opern für Ensembles mit Laienchören bis hin zu musiktheatralischen Experimenten ohne Bühne.


Olivia Stahn

Olivia Stahn studierte bei Marie-Louise Ages und Julie Kaufmann in Lübeck und Berlin und ist Absolventin mit Auszeichnung der Lied-Klasse von Irwin Gage. Mit der Titelpartie in Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ gab sie ihr Bühnendebüt am Konzerthaus Berlin. Es folgten Engagements u.a. an der Staatsoper Hannover, bei den Dresdner Musikfestspielen, bei den Schwetzinger Festspielen, am Konzerthaus Berlin, auf Kampnagel in Hamburg, sowie in Christoph Schlingensiefs Produktion „Via Intolleranza II“. Als Konzertsängerin trat Olivia Stahn wiederholt unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez beim Lucerne Festival auf, sowie u.a. mit dem Stuttgarter Kammerorchester, am Gewandhaus Leipzig, beim Bachfest Leipzig und in der Tonhalle Zürich.

 

Marco Michele Rossi(c) Francesco Tassara

Michele Marco Rossi (geb. 1989) hat bereits ein Repertoire, das erste Aufführungen und Kooperationen umfasst, die von der neuen Generation der aufstrebenden Komponisten bis hin zu den großen internationalen Leuchten unserer Zeit reichen: Ivan Fedele, Krzysztof Penderecki, Salvatore Sciarrino, Beat Furrer, Lucia Ronchetti, Alessandro Solbiati, Carola Bauckholt, Klaus Huber, Ennio Morricone und Helmut Lachenmann.
Ensemble Modern, Lucas Fels, Francesco Dillon und Giovanni Sollima sind einige der großen Künstler, die seine Ausbildung förderten und mit denen er später zusammengearbeitet hat. Als Gründungsmitglied des MobileBeats Ensembles, einer Gruppe, die sich der neuen Musik widmet und in Deutschland ansässig ist, nimmt er auch an Aufführungen der frühen Musik über Periodeninstrumente, Avantgarde-Theater und kooperatives Co-Authoring teil und schafft jedes Jahr neue Programme und vielfältige Projekte .